Beleidigung von Vorgesetzten: Rechtfertigt nicht immer eine Kündigung

Im Gespräch mit dem Vorgesetzten sollten Arbeitnehmer bekanntlich nicht ihr Herz auf der Zunge tragen. Erst recht sollten sie sich davor hüten, Beleidigungen an den Vorgesetzten zu richten. Ganz unabhängig davon, ob im persönlichen Gespräch oder in den sozialen Medien. Einem Montagearbeiter wurde zuletzt ein Posting auf der Plattform Facebook fast zum Verhängnis – aber nur fast.

Das LAG Baden-Württemberg musste sich zuletzt mit dem Fall einer groben Beleidigung im Arbeitsverhältnis auseinandersetzen. Im Rahmen einer regen Unterhaltung unter einem Facebook-Posting, an der sich 21 Personen (darunter vier weitere Arbeitnehmer) beteiligten, nutzte der gekündigte Arbeitnehmer eine Symbolik, die den Vorgesetzten als “Fettes Schwein” bezeichnete. Die Arbeitgeberseite erfuhr von dieser sprachlichen Entgleisung, da die entsprechenden Beiträge öffentlich einsehbar waren. Kurz darauf erhielt der Arbeitnehmer eine außerordentliche, fristlose Kündigung, gegen die er sich mit einer Kündigungsschutzklage zur Wehr setzte.

LAG Baden-Württemberg: Grobe Beleidigung rechtfertigt Kündigung nicht immer

Das Landesarbeitsgericht stellte zunächst in seinen Urteilsgründen heraus, dass es sich bei der oben genannten Bezeichnung um eine gröbliche Beleidigung handele. Der Arbeitnehmer habe durch seine Äußerung gegen die arbeitsrechtliche Pflicht verstoßen, auf die berechtigten Interessen des Arbeitgebers Rücksicht zu nehmen und diese zu achten. Ein solches Fehlverhalten könne grundsätzlich eine außerordentliche Kündigung rechtfertigen, stellte das Gericht heraus.

Trotzdem habe der Arbeitgeber nicht mit einer Kündigung reagieren dürfen, eine Abmahnung sei das Mittel der Wahl gewesen. Eine Kündigung kommt nur als letzter Ausweg in Betracht, wenn eine Prognose ergibt, dass in Zukunft ein störungsfreier Verlauf des Arbeitsverhältnisses aufgrund der gegebenen Pflichtverletzung nicht zu erwarten ist. Die sah das Gericht vorliegend nicht als gegeben an. Es berücksichtigte den Umstand, dass es mit der Sprache und dem Benehmen in den sozialen Medien generell etwas lockerer gehandhabt wird und dass nur wenige Gesprächsteilnehmer aufgrund “Insider-Wissens” in der Lage waren, die Beleidigung tatsächlich dem Vorgesetzten zuzuordnen. Hierzu führte das Gericht im Einzelnen aus:

Die Beleidigungen sind ein Ausdruck des vielfach zu beobachtenden Phänomens, dass unter dem Schutz der Anonymität der sozialen Netzwerke deutlich heftiger „vom Leder gezogen“ wird als man dies in einem Gespräch direkt Auge gegenüber Auge getan hätte. Dies kann zwar nicht als Rechtfertigung für ungebührliche Äußerungen herhalten. Jedoch wird erkennbar, dass der Kläger das Aufschaukeln an Herabsetzungen anderer in einer plumpen Art und Weise schlicht lustig gefunden hat. Dies ist zwar gänzlich inakzeptabel. Jedoch geht die Kammer davon aus, dass wenn dem Kläger durch eine Abmahnung die Außenwirkung seiner Beleidigungen deutlich vor Augen gehalten worden wäre, auch bei diesem eine Einsicht in die Unrechtmäßigkeit seines Tun hätte geweckt werden können, sodass mit entsprechenden Vertragsstörungen künftig nicht mehr hätte gerechnet werden müssen.

Der Trumpf des Klägers: Vertrauensbonus und gute Sozialdaten

Zugunsten des von der Kündigung betroffenen Arbeitnehmers berücksichtigte das LAG Baden-Württemberg die über 16 Jahre währende Betriebszugehörigkeit. In dieser Zeit habe der Arbeitnehmer einen Vertrauensbonus aufgebaut, der durch eine einmalige Verfehlung nicht zerstört habe werden können. Für die gerichtliche Interessenabwägung spielten außerdem der Grad der Behinderung von 20, die Betreuung eines einjährigen Kindes sowie die Pflege der demenzkranken Großmutter eine entscheidende Rolle. Auch der Umstand, dass der Kläger dem Vorgesetzten nicht täglich über den Weg läuft und ein Austausch auf der Arbeit kaum stattfindet, war von erheblichem Gewicht.

Ob das Gericht eine identische Entscheidung getroffen hätte, wenn das Arbeitsverhältnis von einem kürzeren Bestand und die Sozialdaten aufseiten des Klägers schlechter gewesen wären, erscheint offen. Als Arbeitnehmer ist man gut beraten, seine Worte mit Bedacht zu wählen und bei emotionaler Erregtheit Gespräche mit dem Vorgesetzten aufzuschieben. Insbesondere sollte man sich darüber im Klaren sein, dass auch Äußerungen in den sozialen Medien drastische arbeitsrechtliche Konsequenzen haben können. Und seien sie nur spaßeshalber erfolgt.

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